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Ruth Klüger: „Viola Roggenkamp hat in diesem außerordentlichen Roman ein fesselndes historisches Portrait entworfen mit einer Fülle von Nebengestalten, hinter denen unbeantwortbare und doch immer neu zu stellende
politische und menschliche Fragen lauern.“ Buch der Woche Literarische Welt
Jürgen Verdofsky Badische
Zeitung Anfragen für Lesungen: Sandra Kegel Frankfurter
Allgemeine Zeitung Monika Melchert Lesart
Heft 1 / 2009 |
Die Frau im Turm
Roman 426 Seiten S.
Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2009 – 19.95 € Die Gegenwärtigkeit
des Verlorenen Sachsen im 18. Jahrhunderts und
Dresden nach der Wende. Es gibt den prunkvollen Hof, der unter den Augen und
aus der Verschwendungssucht und Sammelwut von August dem Starken entsteht und
in krassem Kontrast das elende Gefängnis der ehemaligen Geliebten des
ehrgeizigen Kurfürsten und „Königs von Polen“, der „Frau im Turm“ des Titels.
Dabei spuckt das 1945 zerstörte Dresden, unsichtbar und doch allgegenwärtig,
in die hochherrschaftliche Suppe. Auf einer zweiten, zeitgenössischen Ebene
gibt es vergammelte, kleinbürgerliche Wohnungen im Westen, das schäbige
Milieu der mittellosen Jugend im Hamburg der 90er Jahre des vorigen
Jahrhunderts und Dresden im Wiederaufbau. Diese zweite Ebene ist fast
baumkuchenartig mit der historischen Erzählung über- und durcheinander
geschichtet, sodass der eine Hintergrund beim Lesen immer den anderen
miteinbezieht. Viola Roggenkamp hat gründlich und fast zu ausgiebig recherchiert.
Sie häuft die Einzelheiten, die des Reichtums wie die des Elends, mit einer
Sammelwut, als wolle sie mit dem dicken Kurfürsten selber konkurrieren, und
strapaziert dadurch streckenweise die Aufmerksamkeit ihrer Leser. Doch macht
diese Fülle auch die Stärke des Buchs aus. Denn sie unterstreicht die
Bedeutungsebenen, die vielfältiger sind als die Kulissen. (…) In den Jahren der äußeren
Unfreiheit war „die Cosel“ zur Intellektuellen gereift, umgab sich mit
Büchern, studierte, schrieb philosophische Betrachtungen und unternahm naturwissenschaftliche
Experimente, mit vielleicht wichtigen Ergebnissen. Kurz, eine geistige
Befreiung und Bereicherung fand statt, eines der Hauptthemen dieses Romans.
Und doch, schreibt die Autorin, wird „die Cosel nicht in die Geschichte
eingehen als die Schriftgelehrte, die sie wurde in den 49 Jahren ihrer
Gefangenschaft. Sie ist eine Frau, und wo Chronisten und Historiker sich
durch die Bedeutung der Menschheit graben, da schnüffeln Männer eben nur nach
Männern.“ Vor allem wandte sie sich dem
Studium des Judentums und der hebräischen Literatur zu und wurde selbst zur
Jüdin, die den Sabbat hielt und den Segen sprach. (Ob sich das so historisch
verbürgen läßt, mag dahingestellt bleiben, fest steht, daß die Gräfin tatsächlich
hebräische Schriften studierte.) Sie war befreundet mit Juden in ihrer
Umgebung und lernte die Daseinsbedingungen dieser deutschen Minderheit in
ihrer zwiespältigen Situation kennen, in der sie als Hof- und Geldjuden, auch
dank ihrer Beziehungen und Verbindungen zum Ausland, gebraucht und andererseits
rücksichtslos ausgebeutet wurden durch Verbote, Beschlagnahmungen und
Kränkungen aller Art. Als Romanfigur ist die Gräfin
faszinierend, um so mehr als sie oft unsympathisch wirkt. In der Jugend die
Schönste, ist sie im Alter körperlich abstoßend, und auch hier zeichnet
Roggenkamp mit kühlem Stift ohne Beschönigung die Symptome eines hilflosen
Absinkens der Körperkräfte. Oft ist sie launisch und willkürlich,
unberechenbar zu der Bedienerin, die sie bis zu ihrem Tod versorgt, dann
wieder lodernd vor Zorn über Ungerechtigkeit, und zwar nicht nur für sich,
sondern auch für andere, vor allem für die Juden, die von ihrem Einsatz nicht
profitieren, denn sie hat ja keinen Einfluß mehr. Doch sie sind es, die das
letzte Wort im Buch haben, mit einem Satz, der auf das ganze, farbig
überflutende Panorama des Romans paßt. Denn da steht das Wort „Sammeln“ (und
noch dazu als Substantiv) an bedeutender Stelle. Juden beten für die Seele
der verstorbenen Gräfin „Bevor sie gehen, malen sie fünf hebräische Buchstaben
in den Sand. Das ist für den jüngsten Tag. Damit die Seele dieser Frau nicht
übersehen werde beim Sammeln des Lebens.“ Und nun wollen ein paar junge
Leute einen Film über die Gräfin Cosel drehen, Eine schüchterne Frau, Masia
Bleiberg, soll die Gräfin spielen. Sie ist 33 Jahre alt, eine verklemmte,
neurotische Halbjüdin und faktische Halbwaise, auf der Suche nach ihrem jüdischen
Vater, an den sie sich nicht erinnert, da er als überzeugter Kommunist in der
DDR geblieben war, während Mutter und Tochter längst im Westen wohnten.
Masias Partner, der Filmemacher, kehrt gerne seine vermeintliche Ähnlichkeit
mit August dem Starken hervor, stammt aus Dresden, kennt sich dort aus,
verfügt über den Vornamen August und verdient durch Pornofilme sein Brot, hat
aber Ehrgeiz. Er sagt einmal großspurig, er verfolge im geplanten Cosel-Film
„die Übertragung des Geschlechterkonflikts auf die Politik“, wobei man sich
die DDR als das weibliche, die BRD als das männliche Prinzip vorzustellen
habe. Die hingeworfene Bemerkung ist
ein Hinweis auf ein Thema, das öfters durchscheint, eine der vielen
Kontrast-Konstellationen, aus denen dieses Erzählwerk schöpft. Die jungen
Leute, die für ihren Film von Hamburg nach Dresden fahren, sind sich bewußt,
daß sie irgendwie Nachkommen ihrer Filmvorlagen sind. (…) Ihren Vater lernt
Masia endlich als Concierge in einem Hotel kennen, das an der Stelle eines
ehemaligen Palastes steht, ein ironischer Hinweis auf die Varianten und die
Last des historischen Erbes. Am Ende lösen sich einige psychologische
Probleme der Protagonisten, obwohl der Film über die Cosel nicht zustande
kommt, entsteht die Einsicht, wie die gesuchte Vergangenheit mit der eigenen
fast bis zur Identität verquickt ist. Die Geschichte, die aufgerollt werden
soll, ist auch Zeitgeschichte. Wiedervereinigung findet nicht so statt, wie
man es sich wünscht, aber Begegnungen sind möglich: Vater und Tochter, Mann
und Frau, Bundesrepublik und DDR, 18. und spätes 20. Jahrhundert, Juden und
Deutsche. „Auf dem Weg liegt die Zeit übereinander. Was war und was sein
wird.“ Sammeln des Lebens. Viola Roggenkamp hat in diesem außerordentlichen
Roman ein fesselndes historisches Portrait entworfen mit einer Fülle von
Nebengestalten, hinter denen unbeantwortbare und doch immer neu zu stellende
politische und menschliche Fragen lauern. ◊◊◊ Wie lange dauert die
Wahrheit? Viola Roggenkamp riskiert als
Erzählerin viel. In dem Roman "Die Frau im Turm" werden Geschichten
verknüpft, die nicht zusammen gehören, gemeinsam ist ihnen nur, aus einer
Verlorenheit ins jüdische Leben zu finden. Erzählt wird von der
Gefangenschaft der Gräfin Cosel im 18. Jahrhundert und von einer nach ihren
Ursprüngen suchenden jungen Frau der Gegenwart. Nicht nur zeitlich getrennte
Welten. (…) Gräfin Cosel ist als Maîtresse
en titre in den Rokoko-Ruhm eingegangen. Bei Roggenkamp erscheint sie als
Trägerin einer emanzipatorischen Passion. In ihr vereint sich die
Verzweiflung über die Wahrheitsgrenze der eigenen Existenz mit der Not, vom
selbstbestimmten Handeln abgeschnitten zu sein. Sie überläßt sich dem Studium
und findet das Besondere des jüdischen Weltwissens. Das ist mehr als
Wissensdrang. Sie sucht metaphysischen Beistand für die offenen Enden in
ihrem Schmerzgedächtnis. Die Protestantin lebt koscher, feiert Schabbat,
möchte nach jüdischem Ritus beerdigt werden. Das Unverständnis auf allen
Seiten ist ihr Genugtuung. Das allein wäre ein historischer
Roman für sich. Aber Roggenkamp weiß, Geschichte trennt, nur Geschichten
schaffen Nähe. Ressentiments, die auf langen Wegen zur Schoa führten, haben
ihre Eigenheiten. Masia Bleiberg ist 1966, fast 300 Jahre nach der Cosel,
geboren. Sie lebt als Dreißigjährige in einem Zustand verschatteter
Genealogie: Der Vater Jude, der Großvater NS-Täterarzt. Ihre Mutter glaubte,
den eigenen Vater mit einem jüdischen Kindesvater strafen zu können. Masia
kennt von ihrem Vater nichts als den Namen. Sie hofft auf diesen Vater, nur
er könnte ihren Bemühungen um Stabilität eine Richtung geben: jüdische
Identität. Zur Kunst des Romans gehört die
beschleunigende Dramaturgie. Ein befreundeter Regisseur will das Kerkerleben
der Cosel verfilmen und gewinnt Masia als Beraterin. Bei Recherchen in
Dresden wird Masia ihrem Vater begegnen. Der Mittsechziger gibt in dem von
der Cosel erbauten Taschenbergpalais den Concierge. Aber welcher Abgrund tut
sich auf: Max Bleiberg wurde als Neunjähriger von einer Hure versteckt,
überlebte in einem Schrank und ist gezeichnet für immer. Seine Eltern und
Großeltern, Hamburger Bürgertum, wurden deportiert und ermordet. Im
Nachkriegs-Hamburg kann er nicht Fuß fassen. Auch in Israel findet er nicht
aus Bitternis und Entgeisterung. Nur die scheinbar konsequente Verfolgung der
NS-Täter in der DDR überzeugt ihn. Die Stasi gewinnt ihn als Informanten. Er
übersieht, daß der Antifaschismus Herrschaftselemente seines Gegners aufnahm.
(…) Wie in "Familienleben"
führt Viola Roggenkamp in das Untrennbare deutsch-jüdischer Geschichte. Die
Geräumigkeit dieses Erzählens erschöpft sich nicht im historischen Grundieren.
Es sind die zerrissenen Lebensgeschichten, die die kanonisierte Stille aufbrechen.
(…) Wie die Wahrheit der Beweisbarkeit überlegen ist, zeigt sich in kleinen
Binnengeschichten. Etwa wenn Masia ihre Eltern zum Essen zusammenführt und
Max Bleiberg versteinert, weil sich das Bild seiner ermordeten Mutter über
alles legt. Dieses Buch erschüttert und gewährt Beistand zugleich. ◊◊◊ Die Freiheit nehm
ich mir Die ostdeutsche
Pornodarstellerin Janine Helle schlendert mit dem Holocaust-Überlebenden
Jossl Gift durchs Foyer der Semperoper. Das ungleiche Paar hat soeben den
ersten Akt des „Lohengrin“ gesehen, in dem der Schwanenritter Elsa ermahnt,
ihn nie nach seiner Herkunft zu fragen, als Janine Helle so entwaffnend
unbekümmert den zentralen Satz des Romans ausspricht, daß man ihn beinahe
überliest: „Warum kann es nicht egal sein, wo einer herkommt und wer seine
Eltern waren?“, sagt die Frau mit dem Sekt in der Hand leichthin. Von der
Antwort darauf, die Janine Helle freilich gar nicht interessiert, handelt der
neue Roman Viola Roggenkamps. Anhand zweier Frauen in Deutschland, denen das
Judentum zugleich Wunde und Heilung ist und deren Lebensgeschichte die Autorin
ineinanderwebt, stellt sie große Fragen: Was bedeutet es, deutsch zu sein?
Was, in Deutschland jüdisch zu sein? Und was folgt aus der Tatsache, in der
DDR gelebt zu haben? Die eine Lebensgeschichte, mit
der sich Viola Roggenkamp auseinandersetzt, ist die der berühmten Gräfin
Cosel, der Mätresse von August dem Starken und einer der mächtigsten Frauen
der Barockzeit. 1716 wurde die Reichsgräfin sechsunddreißigjährig vom sächsischen
Kurfürsten verstoßen und in die Festung Stolpen verbannt. Dort lebte die
Querulantin, von Soldaten bewacht, noch neunundvierzig Jahre, in denen sie
sich zur Gelehrten wandelte und zum Entsetzen ihrer höfischen Zeitgenossen
dem Judentum zuwandte. „Die Frau im Turm“, wie der Roman heißt, weil er mit
der Schilderung der Gefangenschaft einsetzt, stellt die Autorin der
dreiunddreißigjährigen Hamburgerin Masia Bleiberg gegenüber, die sich mehr
als zweihundert Jahre später, 1999, nach Dresden aufmacht, um ihren Vater zu
suchen. Auch Masia ist eine Gefangene, allerdings lebt sie nicht hinter
Mauern aus Stein; sie ist eingesperrt in einem Gefühl der Verlorenheit. Masia, die keinen Beruf hat und
keine Freunde, ist getrieben von dem Gedanken, im Wiedersehen mit dem
unbekannten Vater, einem Hamburger Juden, der in den sechziger Jahren in die
DDR emigrierte, endlich die Leerstelle ihres Daseins füllen zu können. Es
fällt ihr schwer, an jemanden zu denken, dessen Gesicht sie nicht kennt.
Juden sind ihr allenfalls vertraut als „fotografierte Lagerhäftlinge“, und so
dichtet sie dem Abwesenden die Biographie eines Überlebenden an, ganz so, wie
sie es aus Büchern kennt: „Und dann war er mit seinen Eltern und seinen
Geschwistern deportiert worden und überlebte als Versuchskind von Doktor
Mengele. Oder nein. Er war ein Wunderkind gewesen, er konnte mit neun Jahren
schon so Klavier spielen wie Horowitz mit vierzig, wurde Solist im Lagerorchester,
und bei jeder Selektion gelang es ihm, sich mit anderen Kindern in der Kloake
zu verstecken.“ Als Masia mit dem Regisseur August Kuhl, der mit Janine Helle
in der Hauptrolle einen Film über die Cosel drehen will, nach Dresden reist,
findet sie den Vater tatsächlich; ihr Lebensrätsel scheint sich aufzulösen,
doch damit zugleich ihre Illusion. Denn Max Bleiberg, der sich mittlerweile
Maurice nennt und als Concierge arbeitet, ist ein Opfer, der auch Täter
wurde. Als Einziger seiner Familie überlebte er, versteckt im Schrank einer
Prostituierten auf St. Pauli, den Holocaust; in der DDR war er dann „IM
Moritz“ und bespitzelte Juden. „Er lebte, und es war nicht auszuschließen,
daß er gerade darum für sich den eingesperrten Teil Deutschlands gewählt
hatte“, erkennt die Tochter. Zum Dank dafür, daß ein Land die Mörder seiner
Familie offiziell haßte, verfolgte und bestrafte, verzichtete er auf seine
Freiheit. Und noch eines begreift Masia: daß das Trauma ihres Vaters nicht
das eines KZ-Häftlings ist, sondern eines von den Mördern nicht gefundenen
Kindes. Max Bleiberg ist ein Lebender, ohne überlebt zu haben. Ergreifend erzählt die Hamburger
Autorin Viola Roggenkamp, selbst Tochter aus deutsch-jüdischer Familie, vom
Schicksal Nachgeborener. Hier begegnet ein erwachsenes Kind den fremden
Ängsten der Elterngeneration, wie sie nicht in den Büchern zur Schoa
beschrieben sind. Was im Roman geschieht, ist für die Handelnden
existentiell, gleichwohl wird es niemals laut und dramatisch erzählt. (…) ◊◊◊ Lebenslänglich im Turm Zwei scheinbar vollkommen
unabhängige Geschichten, die sich auf kunstvolle Weise miteinander verzahnen.
Ein durchgearbeiteter, perfekt komponierter Roman, auch sprachlich glänzend,
wie von Viola Roggenkamp bereits in ihren letzten Büchern bestätigt. (...) Mit
Wärme und wachem Interesse an Vergangenheit und Gegenwart geschrieben, wird
in „Die Frau im Turm“ auf einmal die konfliktgeladene, weit in die Geschichte
zurückführende Spur des Verhältnisses von Deutschen und Juden wieder
sichtbar. (...) Jede Figur (…) hat zugleich eine Entsprechung in der anderen
Zeitebene. Verblüffend stimmig. Nicht vordergründig ist das gemacht, ganz
unaufdringlich, doch so, daß die eine Ebene die andere zusätzlich beleuchtet.
(...) Viola Roggenkamp schreckt vor unbequemen Fragen nicht zurück – sonst
würde sie ihre Bücher gar nicht schreiben. (...) Als junger Mann nach Israel
ausgewandert, setzt Max S. Bleiberg, seine Hoffnung später auf jenen
deutschen Teilstaat, der alte Nazis unnachsichtig bekämpft, und stellt sich
der Staatssicherheit zur Verfügung. Verrückt, mag man denken. Man kann jedoch
aus diesem Buch beinahe mehr über die inneren Verstrickungen in der DDR
erfahren als aus dem Roman „Der Turm“. (…) „Die Frau im Turm“, eine packende
Geschichte vom komplizierten Verhältnis zwischen BRD, DDR, Israel und der
heutigen Bundesrepublik, die auf schwarz-weiße Einseitigkeiten verzichtet und
in kräftigen Farben malt, was das Leben erzählt. Wie sich ein einzelner unter
dem Druck der geschichtlichen Gewalt behaupten kann. |
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