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Ruth Klüger Literarische Welt Unterhaltungsliteratur ist das nur im weitesten Sinne, wohl aber ein beunruhigendes, sehr lesenswertes Buch Anfragen für Lesungen: Jürgen Verdofsky Frankfurter
Rundschau Sie erzählt
experimentell, setzt Gesetze
des Erzählflusses
außer Kraft, die
Überblendungen haben Filmtempo Hans-Jürgen Schings Frankfurter Allgemeine Zeitung Ein kompositorisches
Kunststück Der filmreife Detektivroman der Erinnerung, den Viola
Roggenkamp schreibt, ist ein Anti-Ödipus Monika Melchert Sächsische
Zeitung |
Tochter und Vater 269 Seiten S. Fischer Verlag, Frankfurt am
Main, 2011 – 18.95 € Ihr Vater war
kurzsichtig und weitsichtig. Er konnte hellsehen und sah meistens schwarz. Nach ihrem Bestseller »Familienleben« schreibt Viola Roggenkamp in ihrem Roman »Tochter und Vater« die Geschichte der deutsch-jüdischen Hamburger Familie fort
Lichtvertiefte Finsternis Rezension
von Ruth Klüger – Literarische Welt Ein alter Mann
stirbt in Hamburg, seine Tochter will eine Rede bei seinem Begräbnis halten
und bereitet sich einen Roman lang darauf vor. Bei der Leichenfeier, ein paar
Tage später, am Ende des Buchs, ist sie so besessen von der Furcht, ihr
Bügeleisen beim Verlassen der Wohnung nicht abgestellt zu haben, daß sie
vergißt, die vorbereitete Ansprache zu halten. Dieser Rahmen, der Tod und Trivia paart, ist wie ein schwarzer Witz,
der einen tragischen Inhalt umkreist, nämlich das bedrohte Leben der Eltern
der Heldin in der Nazizeit und die Konsequenzen nach dem Krieg. Wie in ihren
anderen Büchern beschwört Viola Roggenkamp auch in „Tochter und Vater“ das
oft beschworene Paradoxon einer deutschjüdischen Symbiose herauf, die nicht
stattgefunden und doch stattgefunden hat, nicht stattfinden wird und doch
immer wieder stattfindet. Roggenkamp hat dieses Verhältnis mehrfach
behandelt, vor allem in ihrem ersten Roman, dem Bestseller „Familienleben“,
der vom Standpunkt eines Kindes eine deutsch-jüdische Ehe in der deutschen
Nachkriegswelt beschrieb, es dann auch in ihrem Sachbuch über das verdrängte
jüdische Erbe der Familie Thomas Manns kritisch durchleuchtet und wieder
aufgenommen in dem Roman „Die Frau im Turm“, über die Mätresse Augusts des
Starken, die angeblich zum Judentum konvertierte. In einem Interview zu ihrem
ersten Roman sagte die Autorin: „Jüdisch zu sein und deutsch, das kann es
nach der Schoa eigentlich gar nicht geben. So war nach 1945 bis weit in die
90er-Jahre hinein das Lebensgefühl in jüdisch-deutschen Familien. Es dennoch
zu sein, jüdisch und auch deutsch, diesen Zwiespalt, diese Zerrissenheit als
ihren eigenen Ort anzuerkennen, sowohl im Gegenüber zu den Deutschen als auch
und gerade im Gegenüber zu nichtdeutschen Juden: Darum geht es im Leben
jüdisch-deutscher Nachgeborener.“ Der neue Roman
knüpft indirekt an den ersten an. Diesmal ist die Heldin eine erwachsene
Frau, die ihren Wurzeln nachspürt und gleichzeitig ihr einsames Leben ändern
will. Ihre jüdische Mutter, die den deutschen Vater überlebt und für das
Begräbnis verantwortlich ist, heißt Alma, wie die Mutter in „Familienleben“,
auch der Vater hat seinen Vornamen Paul aus dem früheren Buch. Doch die
Tochter, die Protagonistin, wird nie beim Namen genannt. Diese Anonymität,
scheint mir, erleichtert das Durchspielen der verschiedenen Zeitebenen; der
ausgesparte Name ist wie eine negative Verdinglichung der Verstrickungen der
Nazizeit mit denen der Gegenwart. Es bleibt etwas Undurchdringliches,
Irritierendes, das uns fehlt, eine Fiktion, die sich nicht mit der
Wirklichkeit deckt. Die Tochter fährt
von Hamburg nach Krakau, eine Reise, die der Vater unter den
abenteuerlichsten und gefährlichsten Bedingungen während des Krieges zweimal
unternommen hat. Ihr Wissen über das frühe Liebes- und Eheleben ihrer Eltern
war unvollständig, so oft sie auch darüber gesprochen hatten, denn: „Die wenigen
jüdischen Freunde hasteten durch eigene Grabkammern, und drängte unter
schweren Steinplatten Gewesenes nach oben, verstummten ihre Eltern.“ Nach
Pauls Tod unternimmt es seine Tochter nun, die Lücken aufzufüllen, indem sie
seine alten Kameraden aufstöbert. Aber die Gegenwart läßt sich nicht
ausschalten, und ihr eigenes Leben geht auf schiefen Bahnen weiter. Gleich am
Anfang der Reise verursacht sie einen Verkehrsunfall und begeht Fahrerflucht,
wofür sie verurteilt wird, wenn auch nur zu einer Geldstrafe. So wird das
Thema Flucht in den verschiedensten Variationen durchgespielt. Ihr
fragmentarisches Liebesleben steht im Kontrast zum engen, wenn auch
verängstigten Ehebund der Eltern. Und was die Karriere betrifft, so ist die
Vorstrafe eine schlechte Voraussetzung für ein Jurastudium, das sie abgebrochen
hat, aber wieder aufnehmen möchte. Die Gegenwart läßt sich so wenig ordnen
wie die Vergangenheit, vor allem, weil die letztere auf der ersteren lastet. In Krakau war der
Vater während des Kriegs von einer Firma angestellt, die Raubgut für das
Reich verwaltete. Unsere namenlose Protagonistin sucht die Menschen auf, die
ihn damals kannten, Deutsche und Polen, Antisemiten und Widerstandskämpfer,
immer auf der Suche nach Pauls eigentlichem Charakter. War er schuldig? Er
hat drei jüdische Menschen – Frau, Schwiegermutter, Kleinkind – gerettet,
aber was hat er preisgegeben? Sie fragt sich, „wie oft ihr Vater Heil Hitler
gesagt haben mußte. Diese Peinlichkeit, diesen unanständigen Ausdruck
damaliger Wirklichkeit, hatte sie vor sich verborgen gehalten.“ Was sie
herausfindet, ist allerdings schlimmer als der verdrängte Hitlergruß. Er, der
Nichtjude, hat zwar, wie sie schon immer wußte, alles für seine Familie aufs
Spiel gesetzt, aber er hat in Krakau Geld verdient im Schleichhandel mit
Raubgut aus jüdischem Besitz. Er war ein Held, und gleichzeitig war er ein
Mitläufer und manches Mal ein Feigling. Wo sie hingeht, mit wem sie auch
spricht, stößt sie auf unentwirrbare Fäden. Sie sieht sich konfrontiert mit
der Widersprüchlichkeit eines Lebens, in dem ein Mann einerseits dem Regime
zuwider handelte und andererseits mit den herrschenden Verbrechern
mitgelaufen ist und samt seiner Familie von deren Ausbeutung profitierte.
Denn es ging ihnen gut. In nächster Nähe von Auschwitz ging es ihnen, dank
der Enteignung jüdischen Eigentums, eine Zeit lang aus-gesprochen gut. Die Tochter hat am
Ende herausgefunden, wonach sie suchte, und beginnt, sich ihrem eigenen Leben
zu widmen. Doch die Schatten bleiben, und die Autorin erlaubt auch ihren
Lesern nicht, einen befriedigenden Abschluß zu finden. Dank ihrer
Kontaktarmut und einseitigen Besessenheit ist die Protagonistin uns
Leserinnen auch nie besonders sympathisch geworden. Mir fällt ein paradoxes
Apercu (von Goethe? von Kafka?) ein, über eine „lichtvertiefte Finsternis“.
Unterhaltungsliteratur ist das nur im weitesten Sinne, wohl aber ein
beunruhigendes, sehr lesenswertes Buch. ◊◊◊ Pauls Coup Rezension von Jürgen Verdofsky
– Frankfurter Rundschau „Und bitte
keine Reden“, wünscht sich der sterbende Paul. „Was zu sagen wäre, könne
sowieso nicht gesagt werden.“ Aber eine Geschichte, die nicht erzählt wird,
geht verloren – am Ende hat sie sich nicht einmal ereignet. Doch ein
Geschehen, das nicht nur vor dem Hintergrund des Schreckens zu begreifen ist,
sondern auch vor dem Wagemut eines Einzelnen innehalten läßt, verweigert sich
jeder Vereinfachung. Auch
ist keine Beschwichtigung zu erwarten, wenn die Erzählerin Viola Roggenkamp
heißt und die feste Geschichte durch biographische Einschlüsse legitimiert
wird. In ihrem ersten Roman „Familienleben“ erzählt sie vom Leben einer
deutsch- jüdischen Familie nach der Schoa mit dem Blick einer pubertierenden
Nachgeborenen. In ihrem neuen Roman „Tochter und Vater“, bleibt alles in der
Familie. Die inzwischen gut vierzigjährige Tochter will in ihrer Trauerrede
vor Juden und Nichtjuden auch das Verschwiegene benennen. 1937
wird Paul aus der Strafkompanie entlassen. Das Militärgericht hatte auf „Verächtlichmachung“ der Wehrmacht befunden. Nach diesem
Verdikt steht er völlig außerhalb der aufstrebenden Nazi-Gesellschaft. Aber
daß er sich bei zwei Jüdinnen, Mutter und Tochter, in Hamburg einmietet, wird
zum lebensbestimmenden Zufall. Paul verliebt sich in die 17jährige Alma. Das
junge Paar wird wegen „Rassenschande“, wie eines der größten Unworte der NS-Rechtsverwüstung
hieß, in das KZ Fuhlsbüttel eingeliefert. Nachdem
die Gestapo beiden ein Trennungsgelübde abgepreßt hat, kommen sie noch einmal
frei. Aber was ist das für eine Freiheit. Alma
und ihre Mutter Hedwig Glitzer sind nicht nur
zunehmender Entrechtung, sondern auch mörderischer Gefährdung ausgesetzt.
Paul wird aus Liebe und innerem Anstand beide retten. Ein sensibler
Nichtkonformist, der seinem Umfeld als lebensuntüchtig gilt. „Paul, der
Schlappschwanz“, nennen ihn seine ahnungslosen Kameraden. Und dieser Mann
wird inmitten der Ausmordung der europäischen Judenheit mit Charakter und
Charisma, Courage und Chuzpe zu einem der wenigen Gerechten unter den
Deutschen. Zwei Jüdinnen zu retten, ihnen zu folgen bis ans Ende der Welt,
das ist ein ganzes Leben über dem Abgrund moralischer Extreme. Mehr kann ein
Einzelner nicht tun. (...) Für
die Tochter heißt das, wie weit darf sie sich diesem Verhängnis an Prüfungen
nähern? Wo ist das Verschwiegene in der memorierten Rettungs-legende. War der
Vater versucht, vor der Größe der Aufgabe zu verzagen? Wie weit darf man sich
mit notgewachsener List und Camouflage in das Umfeld der Täter begeben? Die
Zeit vergeht, die Fragen nicht. (...) Roggenkamp
beschreibt eindringlich Momente der Bedrohung, trifft Schnappschüsse des
Unheils. Paul ist ein Getriebener, immer auf der Suche nach Schutz für die
beiden Jüdinnen. Er versucht ein camoufliertes
Alltagsleben im besetzten Polen. In Krakau lebt er in ungemütlicher
Nachbarschaft mit den Tätern im Bannkreis der Konzentrationslager, nach
Auschwitz sind es 60 km. Angestellt ist er bei einer der vielen deutschen
Firmen, die den letzten Besitz der Deportierten verwerten. Paul ist ein
Wissender, umgeben von Männern, die sich an den jüdischen und polnischen
Opfern bereichern. (...) Stempelpapiere aus dem Hauptquartier der Judenmörder,
das bleibt Pauls gewagtester Coup. Aber es kommen
noch andere riskante Aktionen. (...) In
der Nachkriegszeit gelingen den alten Kameraden, diesen Tätern im
Halb-dunkel, neue Karrieren, während Paul sich als Vertreter für
Brillengestelle durchschlägt. Die Energie des Retters ist verbraucht. Auch an
Kraft für väterliche Hilfe wird es fehlen, seine Zuwendung ist eine andere.
Die Tochter versteht, wie sehr das Leben der Vorangegangenen zu einem selbst
gehört, wenn es so bedrängt war. Der Abschied vom sterbenden Vater eröffnet
nicht nur den Roman, es ist sein humaner wie literarischer Kern. (...) Viola
Roggenkamp bewahrt sich bei ihrem Lebensthema den Gestus der Suchenden, die
immer wieder neu ansetzt mit erhellendem Zugriff. Ihre Technik der
metaphorischen Verzweigungen hat sich verfeinert. Sie erzählt experimentell,
setzt Gesetze des Erzählflusses außer Kraft, die Überblendungen haben
Filmtempo. Nicht alle Szenen erreichen die literarische Höhe des großen
Traummonologs vor den Toren von Auschwitz. Häufiger überprüft Viola Roggenkamp
die Richtung ihres Erzählens, um am Ende, wie nach einer Selbstüberwindung,
jede literarische Zuspitzung abzubrechen. Die Trauerrede wird nicht gehalten,
zum Gedächtnis wird das Buch. ◊◊◊ Acht Jahre lang täglich ein Held Rezension von Hans-Jürgen Schings in der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung Der neue Roman von Viola Roggenkamp,
erzählt von einer wohlorganisierten, wenn auch nicht ganz fertig studierten
Juristin, hat die luzide klassische Bauform einer analytischen Geschichte.
Während der Vater an Lungenkrebs stirbt - wo gibt es eine so unsentimentale
und doch zarte Beschreibung eines Sterbenden? -, übergibt er der Tochter sein
Vermächtnis in Form einer Brieftasche mit Einzelstücken, die sie auf eine
Suchreise in die Erinnerung schicken, bis daraus eine wirkliche Autofahrt in
die Vergangenheit und nach Polen wird. Da sie eine Totenrede halten
will, kommen ihr neben umfangreichen, aber lückenhaften Aufzeichnungen des
Vaters die Funde aus der Brieftasche nach und nach zu Hilfe. Ein Notizbuch,
eine gefälschte Kennkarte, ein Zettel mit unverständlicher Aufschrift, eine
Zloty-Note, ein jüdisches Türzeichen, die Mesusa:
Alles wird zum Auslöser von Erkennungen, die, auf dem Höhepunkt der
Erzählung, in schwerer emotionaler Belastung vor sich gehen. Anagnorisis (Wiedererkennung) nannte schon Aristoteles
dieses Verfahren, lobte es und dachte an den „Ödipus“. Hier freilich regiert
nicht das ödipale Elend, das üblicherweise mit dieser Form verbunden ist. Wo
sich sonst die Familienunseligkeiten überstürzen, hellen sich hier die
schwierigsten Verhältnisse auf. Die Eltern - ein wunderbares
Paar der unerschütterlichen Liebe; der Vater - kein Schlappschwanz, Feigling
und müder Versager, wie man meint, sondern in Wahrheit ein Held, obwohl das
Wort nicht paßt, „acht Jahre lang täglich, alltäglich ein Held“, vielleicht
der einzige Gerechte unter den Deutschen; die Tochter - kein Wunder, daß sie
trotz allen Widerstrebens ein neues Einverständnis mit ihrer doppelten
Identität gewinnt. Der filmreife Detektivroman der
Erinnerung, den Viola Roggenkamp schreibt, ist ein Anti-Ödipus. Seine Brisanz erhält das
kompositorische Kunststück durch die jüdisch-deutsche Katastrophengeschichte,
der es eingefügt wird. Paul, der Vater, ist Deutscher, die Mutter Alma und
die Großmutter Hedwig sind Jüdinnen. Ihre Geschichte spielt in den dreißiger
und vierziger Jahren unter den Bedingungen von Krieg und Terror, steht
eigentlich permanent unter Todesgefahr und wird doch begünstigt von einem
schier unfaßbaren Glück, das alle heil davonkommen läßt. Der seltsame Schmied
dieses Glücks ist der Vater. Verliebt und nichts sonst - „Er las viel, und er
weinte gern beim Lesen“, heißt es über ihn -, wird er zum Genie der List, die
selbst die Nazis in ihrer Berliner Gestapo-Zentrale außer Gefecht setzt und
aus gefälschten und geraubten Scheinen und Dokumenten, Stempeln und Pässen
ein Netz neuer Identitäten aufbaut, das bis zum Kriegsende hält und die
Jüdinnen rettet. Vor diesem Genie verbeugt sich die kühle und gründlich
mißtrauische Tochter. In der Erinnerungsarbeit Statur gewinnend, wird sie zur
Tochter ihres Vaters. Obwohl sie sich der Ordnung gemäß als Jüdin fühlt -
„Ist die Mutter Jüdin, sind die Kinder Juden“. Obwohl sie ihr Jurastudium
abgebrochen hat, weil sie sich nicht vorstellen konnte, „irgend jemanden in
Deutschland zu verteidigen“. Obwohl sie erklärt: „Jüdisch und deutsch. Eine
irrsinnige, eine blödsinnige, eine völlig meschuggene
Mischung.“ (...) Man erlebt die Rückverwandlung
des mäßig erfolgreichen Vertreters für Brillengestelle, der am
Freitagnachmittag von der Verkaufsfahrt nach Hause kommt, in den Helden
dieser unglaublichen Geschichte. Denunziation und Strafkompanie,
„Rassenschande“ und Konzentrationslager stehen am Anfang. Die Vernichtung
Hamburgs im Sommer 1943 verlagert sie nach Krakau und beschert ihr, nur
wenige Kilometer von Auschwitz entfernt, eine Zeit des Glücks. „Manchmal war
es diesem Mann und dieser Frau, die später ihre Eltern geworden waren,
gutgegangen, richtig gut, und ausgerechnet in Polen. Wie konnte es ihnen
gutgehen? Um welchen Preis?“ So fragt die Erzählerin, aus einer Ohnmacht
erwachend, in Panik, hat sie doch gerade gehört, daß ihr Vater
„Verbindungsmann zum Wirtschaftsverwaltungshauptamt Zweigstelle Krakau“
gewesen war, Verbindungsmann einer Firma, die sich am Besitz der deportierten
Juden bereicherte. Was sie dann erfährt, im Kreis
ehemaliger polnischer Widerständler, die sich nach über vierzig Jahren noch
gut erinnern, über die unprätentiöse und listige Menschlichkeit ihres Vaters,
den Einbruch im Krakauer Präsidium, um einen Stempel zu erbeuten, den
Schleichhandel im großen Stil, für den selbst Lastwagen kein Problem sind,
die Rückkehr der Frauen in den Westen, während die Züge mit deportierten
Juden entgegenkommen, wischt alle Schatten und Zweifel weg. Ihre Mission ist erfüllt. Ohne
Auschwitz zu besuchen, kehrt die Tochter nach Hamburg zurück. Jetzt kann sie
die Totenrede halten und ihren Vater preisen, den einzigen Gerechten unter
den Deutschen. Auch ein Text des Vaters findet da seinen Platz. „Sie hatte
ihn so oft gelesen, sie konnte ihn auswendig.“ Er handelt von den Torturen
der Strafkompanie und beginnt mit einem doch unerlaubten Vergleich, der sie
lange beunruhigt hatte: „Es war in vielen Dingen der Hölle der
Konzentrationslager vergleichbar.“ Jetzt wird dieser Vergleich zugelassen.
Acht Monate Strafkompanie heißt ja auch: Paul wußte, was ihn erwartete, und
er wagte trotzdem alles. Daß die Tochter ihre Rede dann
doch nicht hält, weil sie während der Bestattungsfeier an das Bügeleisen
denken muß, das sie womöglich nicht ausgemacht hat, zeigt, wie Viola
Roggenkamp das Pathos, das sich da zusammengeballt hat, unterläuft. Auch
sonst hat sie für allerlei Zutaten gesorgt, die das Erinnerungstableau
nicht übermächtig werden lassen, darunter Unfall, Fahrerflucht und einen
dabei zu Schaden gekommenen Soldaten, der sich freilich als quicklebendig
erweist. Erzählerisch liegt ihr der Alltag. Zwar
kann sie auch ganz anders, es gibt eine geradezu expressionistische Passage
über den Untergang Hamburgs, ferner Traumsequenz und narratives Eindringen in
Bewußtseinsströme. Durchweg aber herrscht ein behendes Parlando,
elliptisch, etwas atemlos, nicht lange fackelnd. Die Sprache einer
hanseatisch-jüdischen Juristin eben. Daß sie ihre Totenrede nicht hält, hat
auch einen Vorteil: Sie steht statt dessen als fesselnder Roman auf dem
Papier. ◊◊◊ Familienerbe und
Tochterliebe Rezension Monika Melchert –
Sächsische Zeitung Nicht die Geschichte eines
Helden, sondern eines Mannes, der Angst hat, der verzweifelt ist und den seine
ausweglos erscheinende Lage zu den abenteuerlichsten und waghalsigsten
Unternehmungen antreibt: Eindringen ins Reichssicherheitshauptamt der Gestapo
in der berüchtigten Prinz-Albrecht-Straße, Fälschung von Kennkarten, ohne die
man sich nirgends ungestraft aufhalten durfte. So viele grandiose Episoden,
daß der Roman gut für eine Filmstory wäre. Viola Roggenkamp ist eine
feinsinnige, dabei temperament- und humorvolle Erzählerin, der sich viele
Einzelheiten zur spannenden Szene runden. Das konnte man erst jüngst wieder
in ihrem Roman „Die Frau im Turm“ über das Schicksal der Gräfin Cosel erfahren. Der Titel des neuen Buches ist nicht
zufällig gewählt: Tochter und Vater. Denn vor allem will die Tochter über ihr
Verhältnis zum Vater herausfinden. Jetzt, da er tot ist, fühlt sie, ihrem
Vater wie nie zuvor im Leben nahe zu sein. Sie nimmt, als sie das letzte Mal
mit ihm sprechen kann, sein Taschentuch an sich, dieses große, weiße, sauber
zusammengefaltete Männertaschentuch, das ihr fortan als Beistand dient, wenn
sie sich auf die Spurensuche begibt, tief in seine Vergangenheit hinein.
(...) Dem großen Erzählvermögen von Viola Roggenkamp sind unvergeßliche
Episoden über wundersame menschliche Beziehungen zu verdanken. |
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